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Ecodesign: Zirkuläre Produkte entwickeln und wettbewerbsstark gestalten

Ecodesign FREITAG REPAIR

Autor:innen: Max Mauracher und Marie-Lucie Linde

Ecodesign ist ein Gestaltungsprinzip, das ökologische, soziale und wirtschaftliche Anforderungen integriert – mit dem Ziel, zirkuläre Produkte entwickeln zu können, die über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg Ressourcen schonen, marktfähig sind und sich in geschlossene Materialkreisläufe einfügen.

Für Unternehmen wird dieser Ansatz zunehmend zu einem strategischen Erfolgsfaktor: Die EU-Ecodesign-Verordnung (ESPR), die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und wachsende Erwartungen von Kund:innen und Investor:innen erhöhen den Druck, Produktentwicklungsprozesse nachhaltig auszurichten. Gleichzeitig eröffnet Ecodesign als Basis einer umfassenden Circular Economy Strategie handfeste Potenziale für Kostenreduktion, Risikominimierung und Differenzierung im Wettbewerb.

Anforderungen im gesamten Produktumfeld verstehen

Eine wirksame Ecodesign-Strategie beginnt mit einer umfassenden Analyse des Produktumfelds. Die Bedürfnisse der Nutzer:innen sind zentral – aber nicht allein ausschlaggebend. Lieferant:innen, Handelspartner:innen, Entsorgungsbetriebe, Reparaturservices, Recyclingunternehmen und regulatorische Institutionen stellen ebenfalls Anforderungen, die den Gestaltungsspielraum maßgeblich prägen.

zirkuläre Produkte entwickeln - Mehr Wertschöpfung durch neue Geschäftsmodelle
Mehr Wertschöpfung durch neue Geschäftsmodelle

 

Ein Beispiel: Soll ein Produkt recyclinggerecht zerlegt werden können, müssen Materialverbindungen, Klebstoffe und Beschichtungen bereits in der Konstruktionsphase so gewählt werden, dass eine sortenreine Trennung möglich ist. Wird diese Anforderung erst kurz vor der Markteinführung erkannt, entstehen unnötige Kosten und Verzögerungen.

Unternehmen profitieren, wenn sie bereits in der Konzeptphase folgende Punkte klären:

  • Regulatorische Vorgaben: Gibt es verbindliche oder absehbare Ecodesign-Anforderungen für die eigene Produktgruppe?
  • Branchenspezifische Standards: Welche Lösungen setzen führende Wettbewerber:innen um, und welche Zielwerte können als Orientierung dienen?
  • Technische Rahmenbedingungen: Welche Anforderungen ergeben sich aus bestehenden Infrastrukturen, z. B. in Recycling- oder Reparaturprozessen?

Die Ergebnisse dieser Analyse bilden die Grundlage für einen klaren, aber ambitionierten Zielrahmen im Produktdesign.

Zieldefinition als strategischer Hebel

Innovation im Ecodesign gelingt vor allem dann, wenn alle Beteiligten ein gemeinsames, präzises Zielbild verfolgen. Dieses Ziel sollte konkret benennen, welche Nachhaltigkeits- und Marktanforderungen erfüllt werden sollen, und gleichzeitig Spielraum für kreative Lösungen lassen.

Meisterwerkstatt Decathlon - zirkuläre Produkte entwickeln
Meisterwerkstatt Decathlon

Ein bewährtes Vorgehen ist, Herausforderungen als offene Leitfrage zu formulieren, zum Beispiel:

1) Wie können wir ein Produkt entwickeln, das zu 100 Prozent aus recyceltem Material besteht und dabei dieselbe Leistungsfähigkeit erreicht wie ein konventionelles Produkt?

2) Wie könnten wir unsere Filialen als „Circular Hubs“ nutzen, die Verleih, Second-Hand-Kauf und Reparatur nahtlos miteinander verbinden?

Solche Fragen öffnen den Blick für unkonventionelle Ansätze und helfen, technische Herausforderungen früh zu identifizieren. Der Einsatz recycelter Kunststoffe etwa erfordert häufig eine Anpassung der Produktgeometrie, weil Festigkeit und Elastizität von Primärmaterialien abweichen. Wer diese Faktoren von Anfang an berücksichtigt, vermeidet kostenintensive Änderungen in späten Entwicklungsphasen.

Von der Ideenfindung zum praxistauglichen Prototyp

Sind die Ziele definiert, beginnt die Phase der Ideenfindung – idealerweise in interdisziplinären Teams. Designer:innen, Ingenieur:innen, Nachhaltigkeitsexpert:innen, Marketingverantwortliche und Servicepartner:innen bringen unterschiedliche Sichtweisen ein, die gemeinsam ein vollständigeres Bild möglicher Lösungen ergeben.

Kreativmethoden wie moderierte Innovationsworkshops helfen, vielfältige Ansätze zu entwickeln. Ergänzend stellen Bewertungsverfahren wie Punktbewertungssysteme oder Lebenszyklusanalysen (Life Cycle Assessments, LCA) sicher, dass die Ideen nicht nur kreativ, sondern auch technisch, wirtschaftlich und ökologisch tragfähig sind.

Der Übergang von der Konzeptphase zu ersten Prototypen sollte möglichst früh erfolgen. Wichtig ist, Prototypen nicht nur unter Laborbedingungen zu prüfen, sondern in realen Anwendungsszenarien:

  • Funktionalität: Erfüllt das Produkt im Alltag die Erwartungen der Nutzer:innen?

  • Wartungs- und Reparaturfreundlichkeit: Lässt es sich mit vertretbarem Aufwand instand halten?

  • Kreislauffähigkeit: Können Materialien und Bauteile nach der Nutzung sortenrein getrennt und wiederverwertet werden?

Praxistests in dieser Phase reduzieren das Risiko, mit einem technisch einwandfreien, aber marktfremden Produkt auf den Markt zu gehen.

Kontinuierliche Optimierung als Wettbewerbsvorteil

Mit der Markteinführung endet der Ecodesign-Prozess nicht. Nachhaltige Produktgestaltung ist ein fortlaufender Verbesserungsprozess, der Marktfeedback, neue regulatorische Vorgaben und technologische Entwicklungen aufnimmt.

Unternehmen, die Ecodesign strategisch verankern, sichern sich gleich mehrere Vorteile:

  • Regulatorische Sicherheit: Anpassung an künftige Vorschriften schon vor deren Inkrafttreten.
  • Kosteneffizienz: Reduzierter Materialverbrauch und geringere Entsorgungskosten.
  • Markenstärkung: Sichtbare Nachhaltigkeitsleistungen fördern das Vertrauen von Kund:innen, Investor:innen und Partner:innen.
  • Innovationsführerschaft: Entwicklung neuer, zirkulärer Geschäftsmodelle wie modulare Bauweisen oder Reparaturservices.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Hersteller konstruiert Gehäusebauteile modular. Bei Produktaktualisierungen müssen nur einzelne Module ausgetauscht werden, anstatt komplette Geräte zu ersetzen. Das verlängert die Nutzungsdauer, reduziert Abfälle und steigert die Kundenzufriedenheit.

 

Deep Dive: Die ESPR nutzen und in die Praxis starten

Was diese strategischen Überlegungen ganz konkret im aktuellen regulatorischen Umfeld bedeuten, haben wir in unserem jüngsten Web-Seminar Anfang 2026 vertieft.

Seit Juli 2024 ist die Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) effektiv in Kraft. Sie bildet das Rahmenwerk auf EU-Ebene, aus dem nun schrittweise delegierte Rechtsakte für spezifische Produktgruppen (wie Smartphones oder Tablets) hervorgehen. Diese legen beispielsweise fest, wie viele Ladezyklen ein Akku überleben muss oder wie hoch der Anteil an recycelten kritischen Rohstoffen sein muss.

Wichtig dabei: Die ESPR definiert lediglich das absolute Minimum (Level Playing Field), um auf dem europäischen Markt agieren zu dürfen. Das wirkliche Innovationspotenzial hebt ihr erst, wenn ihr dieses Mindestmaß als Startschuss nehmt und euer eigenes Ambitionsniveau deutlich darüber hinaus ansetzt.

Um diese Ambition systematisch umzusetzen, empfehlen wir einen erweiterten Design-Thinking-Prozess in vier Phasen:

  1. Kontext verstehen (Discover): Verlasst den Elfenbeinturm der R&D-Abteilung. Gebt euer Produkt aktiv an Reparaturbetriebe und Recyclingunternehmen, um zu verstehen, ob sich Materialmischungen am Ende der Lebensdauer überhaupt trennen lassen. Flankiert dies mit einer Lebenszyklusanalyse (LCA), um echte ökologische Hotspots zu identifizieren.
  2. Zielsetzung (Define): Nutzt bestehende DIN-Normen zum Ecodesign, um regulatorische Anforderungen an Langlebigkeit oder Reparierbarkeit in handfeste Konstruktionsziele zu übersetzen.
  3. R-Strategien anwenden (Ideate): „Recycling“ sollte im Designprozess immer der letzte Ausweg (The Last Resort) sein, da beim Einschmelzen und Aufbereiten massiv Energie verbraucht und Wert vernichtet wird. Setzt stattdessen auf höherwertige Strategien aus der Kreislaufwirtschaft wie Rethink, Reuse, Repair, Refurbish oder Remanufacture.
  4. Prototyping & Testing: Geht in die reale Umsetzung. Die Marke Freitag hat beispielsweise dutzende Prototypen getestet, um einen Rucksack aus einem einzigen Mono-Material (Polyester) zu fertigen – inklusive robuster Reißverschlüsse und Schnallen aus demselben Material, um eine nahtlose Kreislaufführung zu ermöglichen.

Dass Ecodesign und Zirkularität auch handfeste unternehmerische Werte schaffen, zeigen aktuelle Marktdaten: Bei Decathlon kommen Kunden, die zirkuläre Produkte oder Repair-Services nutzen, doppelt so oft wieder und haben einen doppelt so großen Warenkorb. Tchibo gewinnt durch den Verkauf wiederaufbereiteter („refurbished“) Kaffeevollautomaten zu einem Drittel reine Neukunden, denen die Maschinen zuvor zu teuer waren.

Auch der kommende Digitale Produktpass (DPP) sollte nicht als reine Pflichtaufgabe verstanden werden. Clever eingesetzt, schafft er einen völlig neuen Touchpoint, um Kund:innen Reparaturanleitungen oder Rücknahmeprogramme anzubieten – und so die Kundenbindung massiv zu stärken.

 

FAQ

Wie können Unternehmen zirkuläre Produkte entwickeln und die Vorgaben der ESPR erfüllen? 

Unternehmen sollten die ESPR-Vorgaben als Mindeststandard begreifen und eigene, höhere Ambitionen setzen. Der Prozess gelingt am besten iterativ: Vom Verständnis des Lebenszyklus (LCA) über klare Zieldefinitionen (gestützt auf DIN-Normen) bis hin zur Anwendung höherwertiger Kreislaufstrategien (z. B. Repair und Refurbish) und dem realen Prototyping gemeinsam mit Recyclingpartnern.

Welche R-Strategien gehören zu einer Circular Economy Strategie? 

Die R-Strategien klassifizieren Ansätze der Kreislaufwirtschaft. Vor dem klassischen Recycling stehen Strategien wie Rethink (Neu denken), Reuse (Wiederverwenden), Repair (Reparieren), Refurbish (Wiederaufbereiten) oder Remanufacture. Recycling ist oft der letzte Ausweg, da es viel Energie verbraucht und den ursprünglichen Produktwert mindert.

Warum ist der Digitale Produktpass (DPP) wichtig für zirkuläre Geschäftsmodelle? 

Der Produktpass schafft Transparenz über Materialien und Herkunft. Unternehmen können ihn jedoch auch als kommunikatives Instrument (Enabler) nutzen: Er bietet einen neuen Touchpoint zum Konsumenten, um Informationen zur Produktpflege, Reparaturservices oder Rücknahmeoptionen direkt bereitzustellen und so neue Services aufzubauen.

Unser Experte für nachhaltiges Produktdesign und zirkuläre Geschäftsmodelle, Maximilian Mauracher steht euch bei Rückfragen gerne zur Verfügung! 

Nehmt einfach mit uns Kontakt auf!