Klima, Strategie, Transformation, Zukunftsperspektiven

Circular Economy Strategie: So gelingt die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen

Circular Economy Strategie und zirkuläre Geschäftsmodelle im Bauwesen

Autor:innen: Marco Harenberg und Stephan Bohle

Rund 400.000 Wohnungen – so viel Potenzial steckt rechnerisch im jährlichen Abfall, den die Bau- und Immobilienbranche in Deutschland produziert. Während der Druck zur Klimaneutralität branchenübergreifend steigt, wird beim Bauen noch immer massiv Wert vernichtet: Bei konventionellen Neubauten gehen häufig 50 Prozent des Materials später auf die Deponie und 30 Prozent in die thermische Verwertung.

Eine fundierte Circular Economy Strategie ist im Bausektor keine Kür mehr, sondern eine Notwendigkeit. Die Preise für zentrale Baustoffe wie Zement sind in den vergangenen Jahren teilweise um 60 Prozent gestiegen. Gleichzeitig treibt die EU den Wandel mit Initiativen wie dem Clean Industrial Deal, dem Circular Economy Act und der neuen Gebäuderichtlinie massiv voran. Wer in zehn Jahren noch profitabel wirksam sein will, muss zirkulär planen. Wir zeigen euch, warum ein nachhaltiger Wandel der Organisation in der Praxis oft stockt und mit welchen Hebeln ihr den Transformationsprozess erfolgreich gestaltet.

Die 5 Bremsen: Warum der nachhaltige Wandel der Organisation stockt

Warum bauen wir noch immer weitgehend so wie vor 150 Jahren? Die Forschung zeigt, dass Bauunternehmen einem enormen institutionellen Druck unterliegen, der den Transformationsprozess zur Nachhaltigkeit verlangsamt. 

Dieser Druck erzeugt fünf zentrale Bremsen:

  1. Zwangsdruck durch unklare Regulatorik: Der Bausektor ist hochkomplex reguliert. Zulassungsanforderungen für Neumaterialien stehen oft im Konflikt mit alten, noch immer linear gedachten Entsorgungsvorschriften. Das sorgt in der Praxis für massive Unklarheit.
  2. Mimetischer Druck (Die Angst vor dem Risiko): Solange der größte Teil konventionell baut, gilt dies als bewährter Standard. Wer davon abweicht, geht gefühlt ein hohes Risiko ein. Unternehmen ahmen deshalb lieber lineare Best Practices nach, statt zirkuläre Innovationen zu skalieren.
  3. Fehlende Nachfrage und Normen (Normativer Zwang): Wenn Bauherr:innen zirkuläre Konzepte in Ausschreibungen nicht priorisieren, fehlt der Marktdruck. Hinzu kommen Wissenslücken in der klassischen Ausbildung an Hochschulen, wo kreislaufgerechtes Bauen oft noch vernachlässigt wird.
  4. Wirtschaftliche Hürden: Die Branche blickt traditionell auf die initialen Baukosten und scheut Investitionen in nachhaltige Lösungen, die kurzfristig teurer erscheinen.
  5. Das konservative Mindset: Die starke Fragmentierung der Wertschöpfungskette mit ihren vielen isolierten Akteuren verleitet dazu, an tradierten Mustern festzuhalten. Ein solch konservatives Mindset blockiert übergreifende Innovationen.

Fünf strukturelle Branchennormen hindern den Bausektor auf dem Weg zu einer nachhaltigen Transformation

Circular Economy Strategie und zirkuläre Geschäftsmodelle im Bauwesen
Abbildung: sustainable natives eG

Die Hebel ansetzen: Zirkuläre Geschäftsmodelle entwickeln

Um diese Bremsen zu lösen, reicht es nicht, isolierte Pilotprojekte durchzuführen. Ihr müsst zirkuläre Geschäftsmodelle aufbauen. Niemand kann die Kreislaufwirtschaft allein im eigenen Unternehmen herstellen. Vernetzt euch lokal mit euren Lieferanten und Entsorgern, um gemeinsam Pilotprojekte zu starten und neue Wertschöpfungspartnerschaften zu bilden.

Ein zentraler Hebel liegt in der ökonomischen Betrachtung: Verabschiedet euch von der reinen Fokussierung auf Entstehungskosten. Wenn Gebäude als „urbane Minen“ geplant werden und Materialien am Ende der Nutzungsdauer sortenrein rückbaubar sind, behalten diese Ressourcen einen monetären Wert. Diese Gebäude werden zukünftig höher bewertet werden, als Gebäude, die nicht rückbaufähig sind. Flankiert wird dies künftig durch eine Bevorzugungspflicht für bestimmte Anteile an Sekundärrohstoffen bei öffentlichen Ausschreibungen sowie durch zunehmende Fördermittel.

Zirkuläres Bauen: Der Kreislauf der Ressourcen im Bauwesen

Circular Economy Strategie und zirkuläre Geschäftsmodelle im Bauwesen
Abbildung: sustainable natives eG (nach SRU)

Zukunftsfähige Unternehmen: Beispiele aus der Praxis

Dass zirkuläres Bauen wirtschaftlich hochattraktiv ist, beweisen First Mover im Markt. Wer zukunftsfähige Unternehmen als Beispiele sucht, findet im DACH-Raum bereits starke Vorbilder:

  • Der lokale Recycling-Hub: Auf dem Gelände der ehemaligen Bayern-Kaserne wurde der Bestand nicht einfach abgerissen und entsorgt. Durch einen Recycling-Hub direkt vor Ort konnten von zwei Millionen Tonnen Material eine Million Tonnen recycelt und direkt wiederverwendet werden. Das sparte über 1.000 Tonnen CO2-Emissionen allein durch wegfallende Transportwege ein.
  • Cradle-to-Cradle im Neubau: Das Unternehmen Moringa beweist als Vorreiter, dass es möglich ist, ein Haus so zu planen und Materialien so zu verbauen, dass später das meiste wiederverwertet werden kann.
  • Wirtschaftliche Zirkularität im Retail: Der Projektentwickler Ratisbona baut Märkte konsequent nach dem Prinzip der Demontierbarkeit und Trennbarkeit. Laut eigener Aussage kosten diese zirkulär geplanten Märkte nicht mehr als konventionelle Bauten – zum Teil sind sie sogar günstiger.
  • Industrielles Bauen: Unternehmen wie Gropyus überführen den Hausbau auf ein industrielles Niveau der Vorfertigung, mittlerweile auch in Großprojekten in Kooperation mit Vonovia.
  • Aufstockung im Bestand: Das Büro in situ aus der Schweiz zeigt, wie Aufstockungen durch die Nutzung gebrauchter Bauteile architektonisch hochwertig umgesetzt werden können, wobei die verfügbaren Sekundärmaterialien die finale Ästhetik bestimmen.

Fazit: Anfangen und Datenstrukturen schaffen

Die Regularien auf EU-Ebene lassen keinen Zweifel: Der Markt wird sich in den nächsten Jahren fundamental ändern. Wartet nicht auf den perfekten Masterplan. Sucht euch ein konkretes Pilotprojekt, holt die relevanten Stakeholder eurer lokalen Wertschöpfungskette an einen Tisch und beginnt damit, digitale Datenstrukturen wie einen Gebäuderessourcenpass aufzubauen. Wer jetzt startet, sichert sein Geschäft für das nächste Jahrzehnt ab.

Unser Angebot: Der Weg in die Kreislaufwirtschaft

Circular Economy Strategie und zirkuläre Geschäftsmodelle im Bauwesen
(Abbildung: sustainable natives eG)

 


FAQ

Warum brauchen Bauunternehmen eine Circular Economy Strategie? 

Die Baubranche ist für immense Abfallmengen verantwortlich. Gleichzeitig steigen die Preise für zentrale Rohstoffe wie Zement massiv an (teils um 60 Prozent) und die EU verschärft die Regulatorik durch die Gebäuderichtlinie und den Circular Economy Act. Eine Circular Economy Strategie senkt Lebenszykluskosten, sichert die Rohstoffverfügbarkeit und garantiert die langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

Was bremst den nachhaltigen Wandel der Organisation im Bausektor? 

Der Wandel wird durch fünf Faktoren gebremst: Unklare und widersprüchliche Regulatorik, die Angst vor dem Risiko (mimetischer Druck), mangelnde Nachfrage in Ausschreibungen, der reine Fokus auf initiale Baukosten sowie ein stark konservatives Mindset in einer fragmentierten Wertschöpfungskette.

Wie entwickeln Unternehmen zirkuläre Geschäftsmodelle im Bau? 

Zirkularität lässt sich nicht im Alleingang umsetzen. Unternehmen müssen tief in die Kooperation mit ihren Lieferanten und Entsorgern gehen. Zudem bedarf es eines Wechsels von linearen Entstehungskosten hin zur Betrachtung der gesamten Lebenszykluskosten. Gebäude müssen als Materialbanken entworfen werden, deren Rohstoffe am Ende sortenrein rückbaubar und nutzbar bleiben.


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Marco Harenberg & Stepahn Bohle